Der Bund, Dienstag, 9. Februar 1999, 150. Jahrgang Nr. 32
Chirurgie / In einem speziellen Verfahren werden durch den Chirurgen Andreas Glättli bestimmte Tumore und teilweise auch Krebserkrankungen im Anfangsstadium ohne grosse Bauchoperation entfernt. Dank dieser Methode ist der Eingriff für Patienten weniger belastend – die Hospitalisationszeit verringert sich.
Bernhard Wenger
Über Probleme mit dem Stuhlgang spricht niemand gern. Dennoch sind viele Menschen davon betroffen. Hämorrhoiden beispielsweise sind in der industriellen Gesellschaft ausserordentlich häufig. Nicht selten zeigen sich die Symptome solcher Leiden, indem beim Stuhlgang Blut ausgeschieden wird. Dafür kann es aber auch andere Ursachen geben. Dazu gehören etwa die (anfänglich) gutartigen Adenome (Tumore der Schleimhaut) sowie Krebserkrankungen.

Die Instrumente für die Operation im Enddarm werden vom Chirurgen ausserhalb des Körpers bewegt ...
Andreas Glättli, Chefarzt der Chirurgischen Klinik am Berner Zieglerspital, erklärt dazu: "Wenn beim Stuhlgang Blutungen (auch geringfügige) auftreten, Schleim austritt oder sich sonstige länger dauernde Änderungen des normalen Vorgangs ergeben, ist es unbedingt ratsam, die Hausärztin respektive den Hausarzt zur Klärung der Ursachen aufzusuchen". Werden bei solchen Untersuchungen bestimmte Befunde erhoben, erfolgt in vielen Fällen die Überweisung an Magen-Darm-Spezialisten, die dann weitere Abklärungen vornehmen.
Recht häufig, so Glättli, entwickeln sich in der Schleimhaut des Enddarms die erwähnten Adenome, im Volksmund auch Polypen genannt: "Diese sind anfänglich klein und gutartig, haben aber eine enorme Tendenz, zu entarten – es kann Krebs entstehen. Deshalb sollten Adenome, sobald sie diagnostiziert sind, unbedingt entfernt werden!"
Sind die Polypen klein, können sie von den Magen-Darm-Spezialisten mit einer kleinen Schlinge via After entfernt werden. Sind diese Tumoren grösser, sind sie nicht nur mit einem Stiel, sondern auf relativ breiter Basis mit der Darmschleimhaut verwachsen, oder besteht sogar der Verdacht, dass sie bösartig geworden sind, muss der konsultierte Chirurg in der Regel die Bauchdecke öffnen und den Tumor mit einem grösseren Eingriff entfernen.
Die Technik
Seit einiger Zeit gibt es zusätzlich eine Methode, mit der auch grössere Adenome und Krebserkrankungen im Anfangsstadium ohne Eröffnung des Bauches durch den Darmausgang entfernt werden können. Das Verfahren heisst "Transanale endoskopische Mikrochirurgie" (TEM) und werde, erklärt Glättli, im Kanton Bern nur im Zieglerspital angeboten.
Für den Eingriff wird ein — für Aussenstehende — kompliziert aussehendes Instrumentarium benötigt. Dieses besteht aus einem Rohr, das einen Durchmesser von 40 Millimetern aufweist. Daran befestigt ist eine Optik, die dem Chirurgen jederzeit eine hervorragende Sicht ermöglicht (das Bild wird übrigens auch auf einen Monitor übertragen). Dank der ausgeklügelten Technik befinden sich in diesem Instrument alle Werkzeuge, die zur Entfernung des Tumors notwendig sind. Dazu gehören unter anderem ein Absaugschlauch zur Entfernung von Blut und Schleim, diverse Zangen und Scheren zur Entfernung des Tumors sowie Vorrichtungen zur Blutstillung und zum Anbringen von Nähten.
Die ganze Handhabung dieser Instrumente kann der Chirurg ausserhalb des Patienten vornehmen. Seine Bewegungen werden durch das Rohr an den Ort des Eingriffs übertragen. Die Operation wird in der Regel in Vollnarkose durchgeführt.

... dadurch kann der Tumor
ohne Bauchschnitt entfernt werden
Radikal und schonend
Sobald der Patient narkotisiert ist, schiebt der Chirurg das erwähnte Rohr durch den Darmausgang bis zu jener Stelle vor, wo sich das Adenom befindet. Zur Verbesserung der Übersicht ist der Enddarm mit einem Gas (Kohlendioxid) etwas erweitert worden. Jetzt leuchtet er die betroffene Stelle aus und beginnt, das Adenom zu umschneiden. Nachdem der Tumor entfernt ist, kann die Wunde vernäht werden. Glättli erläutert, bei kleinen Adenomen könnte man ohne weiteres auf die Naht verzichten, doch beschleunige diese die Wundheilung. Da das Innere des Darms jedoch nie ganz steril ist und bald wieder die natürliche Verdauung beginnt, werde die Wunde schnell mit Bakterien besiedelt, was eine kleine, lokale Entzündung auslösen könne, die jedoch problemlos ausheile.
Möglichkeiten und Grenzen
Das Bestechende an dieser Methode ist die Möglichkeit, ohne Bauchoperation vom Enddarm aus Polypen und Krebserkrankungen im Anfangsstadium entfernen zu können. Dieses Vorgehen ist aber nur sinnvoll, wenn die Situation vorher gründlich abgeklärt worden ist. Da das erwähnte Rohr starr ist, sind nur Eingriffe vor der ersten anatomischen Krümmung des Enddarms möglich — dies umfasst eine Distanz von insgesamt 15-20 Zentimetern vom Darmausgang berechnet.
In seltenen Fällen kann es geschehen, dass es dem Chirurgen trotz sorgfältiger Vorabklärung nicht gelingt, das Adenom auf diese Weise abzutragen, weil erst die erwähnte Optik einen genauen Überblick gestattet und sich dann möglicherweise zeigt, dass der Tumor ungünstig gelegen ist oder spezielle Formen hat. Da der Patient schon vorbereitet ist, wird gleich anschliessend der Eingriff mit der üblichen Technik (Eröffnung der Bauchhöhle) vorgenommen.
Glättli sagt, mit der TEM könne eine grössere Operation umgangen werden. Die Methode sei für den Patienten schonend und trotzdem könne der Chirurg so radikal wie nötig vorgehen. Der Eingriff lasse sich sogar bei kranken Menschen vornehmen, bei denen eine Operation wegen anderer gesundheitlicher Risiken mit Gefahren verbunden wäre. Ausserdem verringere sich die Hospitalisationszeit beträchtlich.
Nach dem Eingriff müssen die Patienten anfänglich engmaschig, dann in etwas weiteren Abständen nachkontrolliert werden. Die Ärzte wissen nämlich, dass einerseits Adenome manchmal nachwachsen, anderseits bei gefährdeten Patienten sich andernorts im Darm wiederum neue entwickeln können.